Literaturnobelpreis 1901: Sully Prudhomme

Literaturnobelpreis 1901: Sully Prudhomme
 
Der französische Schriftsteller wurde für seine Dichtungen ausgezeichnet, die »hohen Idealismus, künstlerische Vollendung und eine seltene Vereinigung von Herz und Geist bezeugen«.
 
 
Sully (eigentl. René François Armand) Prudhomme, * Paris 16. 3. 1839, ✝ Schloss Châtenay-Malabry (Hautes-de-Seine) 7. 9. 1907; 1857 Examen als Bachelier des sciences am Lycée Bonaparte, 1858 Baccalauréat des lettres, Angestellter in der Fabrik Schneider-Creusot, Notargehilfe und gleichzeitig Jurastudium, nach einer Erbschaft freier Schriftsteller, ab 1881 Mitglied der Académie Française.
 
 Würdigung der preisgekrönten Leistung
 
Sully Prudhommes Werk enthüllt einen wissbegierigen Geist, der keine Ruhe im täglichen Geschehen fand und der, weil es ihm unmöglich schien, mehr zu wissen, den Beweis vom übernatürlichen Schicksal auf moralischem Gebiet in der Stimme des Gewissens und den unleugbaren Vorschriften der Pflicht sah. Von diesem Gesichtspunkt aus stellte Prudhomme mehr als die meisten Schriftsteller dar, was für Alfred Nobel »eine idealistische Tendenz« in der Literatur war. Deshalb glaubte die Akademie im Geiste seines Testaments zu handeln, als sie den ersten Nobelpreis für Literatur gerade Sully Prudhomme zuerkannte.
 
 Die Geburtswehen des Literaturnobelpreises
 
Der Wahl des französischen Dichters und Philosophen ging eine intensive Diskussion der Kriterien für die Verleihung des Preises voraus. Sie spiegelt sich in der Laudatio für Prudhomme wider, die sich fast zur Hälfte mit dieser Problematik befasst. Alfred Nobel hatte zwar in seinem Testament Literatur als eines der fünf Gebiete genannt, doch war seine Begründung unvollständig. Er gab lediglich an, der Preis solle an jenen gehen, der im »verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet« und »auf dem Gebiet der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat«. Dabei sollte »keine Rücksicht auf irgendeine Nationalität genommen werden, sodass der am meisten Verdiente einen Preis erhält, gleichgültig ob er Skandinavier ist oder nicht«. Die Schwedische Akademie, die Nobel bestimmt hatte, die Preisträger auszuwählen, erwog sogar, angesichts seiner vagen Angaben und der immensen Fragen, die sich stellten, die Aufgabe abzulehnen. Doch erkannte der damalige Präsident der Akademie, Carl David af Wirsén, die Möglichkeit, sein klassisch-goethesches Ideal der Literatur, nämlich die plastische Gestaltung und Klarheit, zu fördern. Es wurde ein Komitee aus drei Mitgliedern gebildet, das die Statuten festlegte, die im Lauf der Jahre mehrfach geändert wurden.
 
Die Auserwählten in den Jahren Wirséns (bis 1911) entsprachen meist dem Anspruch, Anhänger der Idealität und der klassizistischen Ästhetik zu sein. Bei der ersten Wahl blieben von vorgeschlagenen 25 Kandidaten zwei Franzosen übrig: Prudhomme und Frédéric Mistral (Nobelpreis 1904). Den Ausschlag gaben die vielen zugunsten Sully Prudhommes abgegebenen Stimmen der Académie Française, die der Schwedischen Akademie als Vorbild diente. Das Komitee meinte, eine Wahl mit so »schwer wiegender Empfehlung« würde »zumindest in einem sehr großen Teil der gebildeten Welt mit berechtigtem Beifall begrüßt werden«. Das Gegenteil war der Fall. Die Entscheidung löste Entrüstung aus, hielt man doch Leo Tolstoi, Émile Zola und Henrik Ibsen für geeigneter.
 
 Dichtender Philosoph, wissenschaftlicher Dichter
 
Mitte des 19. Jahrhunderts setzte eine Reaktion gegen die gefühlsbetonte Romantik ein. Künstler strebten nun danach, als wissenschaftlich zu gelten. Der französische Kulturkritiker Hippolyte Taine meinte, dass ohne Philosophie der Gelehrte nur ein Handwerker und der Künstler nur ein Spaßmacher sei. Die Poesie folgte der allgemeinen Richtung der Literatur. Prudhomme ließ sich in seiner Dichtung von der »science moderne« inspirieren, die ihm umso mehr am Herzen lag, als er eine Neigung zu den Naturwissenschaften beibehielt, nachdem er sein Mathematikstudium wegen eines Augenleidens aufgeben musste. Ein Kreis Pariser Dichter fand sich zusammen und veröffentlichte Gedichte in der Zeitschrift »Parnasse contemporain«. Ein Teil der »Parnassiens« stellte das antisubjektivistische Element sowie die Analogie zwischen Dichtung und Bildhauerei in den Vordergrund. Prudhomme verband den Anspruch des klaren Denkens mit der Darstellung persönlicher Betroffenheit. In dieser Spannung zwischen dem Abstrakten und dem Persönlichen haben seine von melancholischer Grundstimmung getragenen Gedichte Anklang in Frankreich gefunden.
 
Mit großem Erfolg las Prudhomme aus seinem ersten Gedichtband »Stanzen und Gedichte« (1865) im Studentenkreis »La Bruyère« (Die Heide). Diese ersten Gedichte erregten auch die Aufmerksamkeit Sainte-Beuves, eines Schriftstellers und Literaturkritikers, der Prudhomme in der Zeitung »Les Débats« einen Artikel widmete, in dem er seine reiche innere Gefühlswelt rühmte. Seine ersten Erfolge und eine Erbschaft ermöglichten es ihm, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Die Liebe zum Geistigen, sein Leid, seine Zweifel, die nichts Irdisches zerstreuen kann, sind die vorherrschenden Themen seines Werks, das in seiner vollendeten Form und gemeißelten Schönheit kein überflüssiges Wort duldet. Prudhommes Dichtung erscheint in üppigen Farben und nimmt selten den Charakter einer melodiösen Musik an; aber dafür ist sie in der Schaffung von Formen, die Gefühle und Gedanken ausdrücken, plastischer. Prudhommes berühmtestes Gedicht »Le Vase brisé« (französisch; Die zerbrochene Vase) aus dem Gedichtband »Stanzen und Gedichte«, das am Anfang des Jahrhunderts in allen französischen Schulbüchern zu finden war, fasst in seinen fünf Strophen das immer wiederkehrende Thema der Einsamkeit zusammen. Vermutlich flossen in die Gedichte die traumatischen Erfahrungen der unglücklichen Liebe zu seiner Cousine ein, die er, der Zeit seines Lebens einsam blieb, wohl nie überwunden hatte.
 
 Dichter vergangener Zeit
 
In den kleineren lyrischen Kompositionen voller Gefühl und Kontemplation sah die Schwedische Akademie Prudhommes Größe. Weniger eingenommen war sie von seinen didaktischen oder abstrakten Gedichten. Denn zunehmend verloren Prudhommes Dichtungen an Fantasie und wurden zu einer philosophischen Poesie. Dazu gehören das wissenschaftlich-philosophische Lehrgedicht »Die Gerechtigkeit« (1878) und das Menschheitsepos »Das Glück« (1888), die zu seiner Zeit als Meisterwerke analytischer Finesse galten. Ab 1888 schrieb Prudhomme nur noch Prosa. War die Wahl 1901 bereits umstritten, so zeigte sich in der Folge, dass Sully Prudhomme in Vergessenheit geriet. Womöglich würde ihn kein Lexikon heute noch erwähnen, hätte er nicht den Nobelpreis erhalten.
 
Rückblickend erwähnen Kritiker heute vor allem das Scheitern seines Traumes, die Wissenschaft mit der Dichtung zu verbinden, und betrachten seinen zarten Intimismus und die Klarheit seines Ausdrucks als Dichtung einer vergangenen Zeit.
 
I. Arnsperger

Universal-Lexikon. 2012.

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